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5 Fragen an Armin Berger von 3pc über mobile Verbandskommunikation

Armin Berger 3pcArmin Berger ist Geschäftsführer von 3pc GmbH Neue Kommunikation, die u. a. Webdesign, Corporate Design und App-Entwicklung anbietet.

3pc arbeitet für Unternehmen, Behörden, Wissenschafts- und Kultur-Einrichtungen sowie Verbände wie die Familienunternehmer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft oder den Deutschen Bibliotheksverband.

Die Arbeit von 3pc wurde unter anderem mit dem Grimme Online Award, dem Deutschen Bildungsmedien-Preis und dem Politikaward ausgezeichnet.

V//T: Herr Berger, wir wissen, dass die Nutzung mobiler Endgeräte stetig zunimmt. Ist es aus Ihrer Sicht unausweichlich, dass jedwede Anbieter von Dienstleistungen, Produkten und Services abseits ihrer Webseite auch ein Angebot für die Nutzung „on the go“ vorhalten?

AB: Seit dem rasanten Erfolg von Smartphones und Tablets haben diese Ausgabegeräte neben dem klassischen Desktop deutlich an Bedeutung gewonnen. Eine gut programmierte Website sollte prinzipiell auch auf diesen Geräten bedienbar sein. Das ist die Grundlage von allem: eine solide, universell funktionierende Website.

Über eine App nachzudenken bedeutet eigentlich immer, einen Ausschnitt aus dem eigenen Angebot zu wählen, der fokussiert – und nicht, wie bei Websites üblich, das gesamte Informationsportfolio anzubieten. Es geht um Reduktion. Wir nennen es Entverkomplizierung. Eine App fürs Smartphone taugt zum Beispiel nur dann etwas, wenn sie unterwegs nützlich, inspirierend oder unterhaltsam ist.

Tablets haben meiner Überzeugung nach zwar auch einen mobilen Aspekt. Viel wichtiger finde ich aber die Tatsache, dass es Geräte sind, die man zurückgelehnt auf der Couch verwendet. Das ist eine andere Situation. Eine Situation, in der die Menschen offener, entspannter sind.

Das Tablet ist ein Gerät, das weniger der schnellen, praktischen Information dient. Vielmehr steht hier der Aspekt der Emotionalität im Vordergrund. Tablets begünstigen stärker ein exploratives, weniger zielgerichtetes Vorgehen. Das ist bisher noch nicht ausreichend beachtet worden. Meine feste Überzeugung ist, dass genau diese Eigenschaften des Tablets die digitale Kommunikation noch sehr grundlegend verändern wird. Aus neurologischer Sicht ist die Verbindung zwischen Zeigefinger und Hirn die direkteste. Florian Heinen, ein Kinderneurologe, hat erst kürzlich in der FAZ dargelegt, dass das Tablet ein Quantensprung für die Einbettung von Wissen in unseren Alltag darstellt.

V//T: Nehmen wir an, ein Verband hat eine präzise Idee, welches Angebot er für welche Zielgruppe über eine App darstellen will. Gibt es aus Ihrer Erfahrung Aspekte oder Anforderungen, die die mobile Verbandskommunikation von der einer wissenschaftlichen Einrichtung, einer Behörde oder eines Unternehmens unterscheidet?

AB: Es gibt keinen grundlegenden Unterschied. Eine präzise Idee ist wichtig. Die Umsetzung muss Energie haben, die Zielgruppe nicht nur praktisch bedienen, sondern letztendlich auch berühren.

Das gilt aber nicht nur für Apps, sondern allgemein für Kommunikation. Das Kommunikationsangebot wird immer von Menschen für Menschen gemacht. Die Technik übernimmt dabei eine Vermittlungsfunktion. Bei aller Begeisterung für Technik darf man das eigentliche Kommunikationsziel nie aus den Augen verlieren. Es geht darum, die Relevanz der eigenen Inhalte zum Ausdruck zu bringen. Das ist eine Grundhaltung, auf der all unsere Projekte fußen.

V//T: Für die Realisierung eines mobilen Angebots stehen mit Apps, Web Apps, mobilen Websites, „Responsive Design“ verschiedene Herangehensweisen zur Verfügung. Ist die Wahl nur eine Frage für Technikverliebte oder welche Entscheidungsparameter sollten Verbände berücksichtigen?

AB: Native Apps sind perfekt auf die jeweilige Plattform zugeschnitten. Web Apps basieren auf Webtechnologien, die einen unabhängiger von Plattformen machen. Mobile Websites und Lösungen mit Responsive Design werden nah an einer bestehenden Website oder direkt in ihr realisiert. Wichtig ist die Suche nach der richtigen Lösung für das jeweilige Projekt. Dabei stellt sich auch die Frage, in welchem Verhältnis Website, App und andere Maßnahmen der digitalen Kommunikation stehen.

Der gewählte technische Ansatz hat großen Einfluss auf die Entwicklungsgeschwindigkeit, die Kosten und die Zukunftsfähigkeit des Ergebnisses. Native Apps sind zu empfehlen, wenn man die perfekte Performance auch offline erreichen möchte. Web Apps sind offener, plattformunabhängiger, aber in Sachen Performance nicht immer optimal auf die Geräte abgestimmt. Mobile Websites sind nicht für den offline-Gebrauch gedacht und sollten eine reduzierte Version der eigentlichen Website sein.

Responsive Design ist die Lösung, wenn man in erster Linie die Oberflächen für die verschiedenen Ausgabegeräte optimieren möchte. In der Umsetzung ist das preiswerter. Mit Responsive Design lässt sich das inhaltliche Angebot der damit verpackten Website nur bedingt reduzieren. So bleibt das Problem bestehen, dass das Angebot trotz angepasster Oberflächen möglicherweise zu umfangreich und unübersichtlich ist für kleine Screens.

V//T Sofern Anbieter von Apps anstreben, inhaltliche und gegebenenfalls auch technische Updates im Wesentlichen selbst realisieren zu können, was ist unter dieser Prämisse zu bedenken?

AB: Die Aktualisierbarkeit ist im Prinzip bei allen Modellen technisch gegeben. Bei mobilen Websites und Lösungen mit Responsive Design ist meist das bereits bestehende CMS direkt angebunden. Web Apps und Apps haben erst einmal nicht unbedingt mit einer Website zu tun. Sie können aber beide so angelegt werden, dass sie aktualisierbar sind, ohne in den Quellcode eingegriffen zu müssen.

Auch in einer nativen App können Teile komplett auf einen Webserver ausgelagert werden, um in Echtzeit direkt oder über Schnittstellen Änderungen vornehmen zu können. Beim Wahl-O-Mat für die Bundeszentrale für politische Bildung haben wir zum Beispiel solch eine Mischform gewählt, weil ansonsten Änderungen nur über den Appstore von Apple möglich gewesen wären. Die damit verbundene Verzögerung durch den Reviewprozess von Apple könnte bis zu zwei Wochen dauern und wäre nicht tragbar.

V//T: Sie werben bei Apps eindringlich für Reduktion. Es sollte also Abstand genommen werden von der Überlegung, mit einer App eine kleine Webseite bauen zu wollen. Geht es Ihnen um eine Konzentration inhaltlicher Aspekte oder auch um eine Begrenzung technischer Features?

AB: Da spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Websites werden mit der Idee des unendlichen Cyberspace gebaut. Sie sind letztendlich in der Lage, alles aufzunehmen. Apps stellen einen Paradigmenwechsel dar, wobei es keine entscheidende Rolle spielt, ob man von einer App, Web App oder einer mobilen Website spricht.

Apps sind am stärksten, wenn sie fokussieren. Das hat oberflächlich mit den geringeren Bildschirmdimensionen zu tun und mit den Fingern, die zur Bedienung genutzt werden. Aber letztendlich ist es ein Paradigmenwechsel weg vom technisch Möglichen hin zum Sinnvollen. Je genauer der Autor einer App weiß, was er eigentlich erreichen, anbieten möchte, desto genauer kann die App ausgerichtet werden. Diese Präzision wird vom Nutzer honoriert. Wenn es um Apps geht, sucht der Nutzer das Einfache, Klare.

Ein Beispiel: Auch zu dieser Bundestagswahl wird die Bundeszentrale für politische Bildung wieder den Wahl-O-Mat veröffentlichen. Wir sind für das Interface und die User Experience (UI/UX) verantwortlich. Wieder wird es darum gehen, komplexe Positionierungen der Parteien transparent zu machen. Der Nutzer soll durch die Beantwortung von 38 Thesen erfahren, welchen Parteien er wie nahe steht. Auf gewisse Weise wird die Komplexität von allen Parteiprogrammen auf ein einfaches Raster reduziert, das über ein schlichtes, ansprechendes Interface bedienbar gemacht wird. Der Nutzer sieht letztendlich nur einen orangen Kasten mit vier Buttons. Ein selbsterklärendes Interface.  So wird Demokratie erfahrbar, der Unterschied zwischen den Parteien wird sichtbar und das Ganze macht auch noch Spaß. Ein Millionenpublikum bestätigt das alle vier Jahre auf dem Tablet, dem Smartphone und dem Desktop.

V//T: Vielen Dank, Herr Berger!

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