Das Blog zur Interessensbildung, Meinungsbildung Interessenvertretung von Verbänden

Archiv Dezember, 2010

2010 – ein kleiner Rückblick

Montag, 20. Dezember 2010

Mit dem zu Ende gehenden Jahr 2010 verbinde ich einige Ereignisse, Entwicklungen und Sachverhalte, die aus meiner Sicht auf interessante Trends und Herausforderungen für Verbände hinweisen.

1. Lobbyismus-Kritik

Das ganze Jahr über gab es in allen Medien (nicht immer differenzierte) Beiträge über den Lobbyismus und seine durchaus kritikwürdigen Aspekte. Während die „Interessenvertretung“ in der Debatte eher als gesellschaftlich getragen, und damit positiv konnotiert wurde, musste der „Lobbyismus“ als Inbegriff dunklen Treibens herhalten, das in Hinterzimmern willen- und ahnungslosen Abgeordneten von einer Minderheit für eine Minderheit geleitete Wirtschaftsinteressen diktiert.

Wie auch immer die individuelle Sichtweise dieser Debatte ausfällt, sie gibt den Verbänden Gelegenheit, offensiv an die Vorzüge der verbandlichen Interessenvertretung zu erinnern: Verbandspositionen repräsentieren bereits einen Kompromiss aus zusammengeführten Einzelinteressen und erleichtern aus der Sicht der Politik auf diese Weise den thematischen Abgleich mit gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Interessengruppen. Verbände verfügen hier gleichsam über ein Alleinstellungsmerkmal, das sie bewusster und aktiver nutzen sollten.

Auch der Forderung nach Transparenz über Auftraggeber und eingesetzte Mittel können Verbände selbstbewusst und entspannt entgegen sehen.

2. Web 2.0-Unsicherheit

Muss ich eigentlich twittern? Mit dieser mir in der Tat öfter gestellten Frage wurde eine über das Jahr eher noch zunehmende Verunsicherung bei Verbänden über den und das Nutzen von Social Media-Kanälen spürbar.

Da nur in seltenen Fällen Geschäftsführung oder Vorstandsmitglieder von Verbänden privat aktiv diese Kanäle nutzen, fehlt zunächst einmal regelmäßig ein Grundverständnis über die Funktionalität der dahinterstehenden Technik, die ein Ermessen über den sinnvollen Einsatz im Verband ermöglicht.

Meine Hinweise zu diesem Thema lauten: Nutzen sie diese Kanäle, sofern ihre Zielgruppen hierüber kommunizieren und sofern sie regelmäßig Inhalte/Botschaften transportieren können. Planen Sie die dazu notwendigen zeitlichen, persönlichen und finanziellen Ressourcen. Angebotene, dann aber vernachlässigte Kanäle sind verheerender als ein ausgebliebenes Angebot und werden im Web 2.0 rigoros bestraft.

Und schließlich: selbst eine (vorübergehende) Entscheidung gegen ein eigenes Angebot bedeutet keineswegs, die Kanäle unbeobachtet zu lassen. Auch andere Akteure diskutieren gegebenenfalls über ein Kernthema ihres Verbandes oder gar über ihre Organisation selbst – ohne dass sie davon wissen und damit ohne die Möglichkeit, darauf rechtzeitig zu reagieren. Zeiten, in der Themen gezielt gesteuert werden konnten, sind mit dem Web 2.0 vorbei.

Wikileaks und Lobbying

Montag, 6. Dezember 2010

DatenträgerDie Aufgeregtheit in politisch-diplomatischen Kreisen wird noch nachhallen, obwohl an der letzten Wikileaks-Veröffentlichung aufregend zunächst einmal gar nichts ist: Menschen haben seit jeher und werden immer wieder aus unterschiedlichen Gründen Informationen über (private und) politische Personen sammeln. Und diese Informationen wurden und werden je nach Motivation genutzt und benutzt werden. Blöd nur, wenn es raus kommt.

Dass das diplomatische Corps, also Staats-Lobbyisten, zur Beurteilung handelnder Personen beim Sammeln von Informationen keine Ausnahme bildet, sondern eher Benchmark für systematisches Sammeln, Speichern und Auswerten von Informationen als notwendige Grundlage für strategisch-politische Entscheidungen darstellt, ist nicht verwerflich sondern beruhigend.

Das breite öffentliche Interesse an den nun publizierten Texten ist nichts anderes als Voyeurismus, der so oder so in uns allen steckt. Toll mal zu lesen, was Regierung X von Politiker Y hält. Und wie beruhigend, dass die politische Elite in Deutschland von der amerikanischen Regierung so war genommen wird, wie von uns selbst!

Vom Kern der eigentlichen Erkenntnis lenken derweil die Reaktionen und Diskussionen ab: Findet den Informanten! Straft alle Mitwisser! Verfolgt all jene, die vertrauliche Daten und Informationen verraten! Verstärkt den Datenschutz! Verbietet Netz-Veröffentlichungen von geschäftsmäßig gezielt zusammengetragenen Daten! Belasst die Wächterfunktion den Medien!